„Vielleicht gibt es schönere Zeiten; aber diese ist die unsere.”
- Jean-Paul Sartre
“Evelin liegt im Sterben.” Das waren die leisen Worte meiner Mutter an jenem Herbstabend, als Evelins Lebensgefährte mir – offensichtlich stark alkoholisiert – im Treppenhaus entgegen kam. Er überquerte den Hinterhof zum Haus von Evelins Vater, meinem Vermieter, auf der Suche nach ein wenig Halt, nach einer Familie. Er hielt sich an der Schulter seines Schwiegervaters fest, doch dieser hatte im Jahr zuvor seine Frau und mit ihr jede Hoffnung verloren: “Geh nach Hause, das bringt doch sowieso nichts. ” Wenige Tage später war Evelin tot.
Der Tod meiner Nachbarin war ein Schock. Er kam mit Ankündigung, aber Zeit für einen Abschied war trotzdem nicht. Als sie mit starken Bauchschmerzen zur Untersuchung in ein Krankenhaus überwiesen wurde, lautete die Diagnose “Bauchspeicheldrüsenkrebs”. Es handelt sich hierbei um eine seltene Krebsart mit einer hohen Sterblichkeitsrate. Die letzten Tage ihres Lebens war Evelin nicht bei Bewusstsein. Eine Hirnhautentzündung verursachte starke Krämpfe bei ihr. Es bestand keine Hoffnung mehr, die Ärzte linderten nur noch ihre Schmerzen, taten jedoch nichts, um ihr Leben und damit ihr Leiden zu verlängern.
Mir wurden zwei Dinge klar:
Alles, was einem wichtig erscheint, kann von heute auf morgen verloren sein. Dieser Gedanke ist weder neu noch schrecklich, denn er hilft, sich jeden Tag der Tatsache bewusst zu sein, dass man als gesunder Mensch mit Familie und Freunden einen unglaublichen Reichtum besitzt.
- Juniregen